Was passiert in Istanbul?

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An meine Freunde außerhalb der Türkei:

Ich schreibe diesen Brief, um euch wissen zu lassen, was die letzten fünf Tage lang in Istanbul passiert ist. Ich muss muss dies persönlich tun, weil die meisten Medien-Quellen lahmgelegt sind, das Wort von Mund zu Mund sowie das Internet sind die einzig verbleibenden Wege, uns zu erklären und um Hilfe und Unterstützung zu bitten.

Vor vier Tagen traf sich eine Gruppe von Menschen, die keiner spezifischen Organisation oder Ideologie angehören, in Istanbuls Gezi Park. Unter ihnen waren viele meiner Freunde und Studenten. Ihr Beweggrund war simpel: gegen die geplante Zerstörung des Parks, auf dem ein weiteres Einkaufszentrum entstehen soll, zu demonstrieren und diese zu verhindern. Es gibt unzählige Einkaufszentren in Istanbul, mindestens eins in jeder Nachbarschaft! Die Zerstörung der Bäume sollte Donnerstag früh beginnen. Die Leute kamen mit ihren Decken, Büchern und Kindern. Sie schlugen ihre Zelte auf und verbrachten die Nacht unter den Bäumen. Früh am Morgen, als die Bulldozer ankamen, um die jahrhundertealten Bäume aus dem Boden zu reißen, standen sie auf, um die Operation zu stoppen.

Sie taten nichts, als vor den Maschinen zu stehen.

Keine Zeitung, kein TV-Kanal war da, um über die Proteste zu berichten. Es war ein totales Medien-Blackout.

Aber die Polizei erreichte bald den Park mit Wasserwerferwagen und Pfeffer Spray. Sie verjagte die Massen aus dem Park.

Am Abend vervielfachte sich die Menge an Demonstranten, ebenso wie die Anzahl an Polizisten um den Park. In der Zwischenzeit hatte die lokale Regierung alle Wege zum Taksim-Platz, wo der Gezi Park liegt, abgeriegelt. Die Metro war lahmgelegt, Straßenbahnen fuhren nicht mehr, Straßen waren blockiert.

Aber immer mehr Menschen kamen zu Fuß ins Zentrum der Stadt. Sie kamen von überall aus Istanbul. Sie kamen aus allen möglichen Hintergründen, Ideologien und Religionen. Sie alle kamen, um gegen die Zerstörung von etwas Größerem als dem Park zu demonstrieren:

Das Recht, als Bürger dieses Landes ehrbarer zu leben.

Sie sammelten sich und marschierten. Die Polizei jagte sie mit Pfeffer-Spray und Tränengas, sie fuhr mit ihren Panzerwagen über Menschen. Zwei junge Leute wurden überfahren und getötet. Eine andere junge Frau, eine Freundin von mir, wurde am Kopf von einem Tränengaskanister getroffen. Die Polizei schoss diese direkt in die Menge. Nach einer dreistündigen Behandlung ist sie nun immer noch auf der Intensivstation und in kritischem Zustand. Während ich das hier schreibe, wissen wir nicht, ob sie durchkommen wird. Dieser Blog ist ihr gewidmet.

Diese Leute sind meine Freunde. Sie sind meine Schüler, meine Verwandten. Sie hegen keine „geheime Agenda“, wie der Staat zu sagen pflegt. Ihre Agenda ist offen. Sie ist klar und deutlich. Das ganze Land wird von der Regierung an Unternehmen verkauft, um Einkaufszentren, luxuriöse Eigentumswohnungen, Autobahnen, Dämme und Atomkraftwerke zu bauen. Die Regierung lechzt nach Gründen (und erfindet diese auch beizeiten), um Syrien gegen den Willen des Volkes anzugreifen.

Damit nicht genug: die staatliche Kontrolle des persönlichen Lebens wurde in letzter Zeit unerträglich. Der Staat unter seiner konservativen Agenda erließ viele Gesetze und Regularien bezüglich Abtreibung, Kaiserschnitt, Verkauf und Konsum von Alkohol und sogar der Lippenstiftfarbe einer Stewardess.

Die Menschen, die zum Zentrum von Istanbul marschieren verlangen ihr Recht darauf, ein freies Leben zu führen, Gerechtigkeit, Schutz und Respekt vom Staat zu erfahren. Sie verlangen in die Entscheidungsprozesse ihrer Städte miteinbegriffen zu werden.

Was sie stattdessen bekamen, war exzessive Gewalt und enorme Mengen an Tränengas. Drei Leute verloren ihr Augenlicht.

Dennoch marschieren sie weiter. Hunderttausende reihen sich ein. Einige Tausende überquerten die Bosporus-Brücke zu Fuß, um sie zu unterstützen.

Keine Zeitung und kein Nachrichtensender berichtete über diese Ereignisse. Sie waren damit beschäftigt „Miss Turkey“ und „Die merkwürdigste Katze der Welt“ auszustrahlen.

Die Polizei verfolgte die Leute weiterhin und verbrauchte eine solche Menge an Tränengas, dass streunende Katzen und Hunde davon vergiftet wurden und starben.

Schulen, Krankenhäuser und sogar 5-Sterne-Hotels um den Taksim-Platz herum öffneten ihre Türen für die Verletzten. Doktoren füllten Klassen– und Hotelräume, um sie zu versorgen. Einige Polizisten weigerten sich, die Unschuldigen anzugreifen und kündigten ihre Arbeit. Um den Platz wurden Störsender aufgestellt, um die Internetverbindung und die 3G-Netzwerke zu blockieren. Anwohner und Unternehmen in der Region boten den Menschen auf der Straße kostenlose WLAN-Verbindungen an. Restaurants gaben Essen und Wasser umsonst heraus.

In Ankara und İzmir sammelten sich ebenfalls Menschen auf den Straßen, um sich mit dem Widerstand in Istanbul zu solidarisieren.

Die Mainstream-Medien zeigten immernoch „Miss Turkey“ und „Die merkwürdigste Katze der Welt“.

Ich schreibe diesen Brief, damit ihr wisst, was in Istanbul vor sich geht. Die Massenmedien werden euch – zumindest in meinem Land – nichts davon berichten. Bitte postet so viele Artikel ins Internet wie ihr sehen könnt und tragt die Kunde weiter.

Als ich auf meiner Facebookseite Artikel, die die Lage in Istanbul erklären, postete, fragte mich jemand: „Was erhoffst du dir davon, dich vor fremden Leuten über unser Land zu beschweren?“

Dieser Blog ist meine Antwort. Ich erhoffe mir von meinen „Beschwerden“:

Freiheit des Ausdrucks und des Wortes,
Achtung der Menschenrechte,
Kontrolle über die Entscheidungen, die ich bezüglich meines eigenen Körpers treffe,
Das Recht, mich überall versammeln zu können ohne als Terrorist betrachtet zu werden.

Aber am allermeisten erhoffe ich mir, während ich diese Infos an euch, meine Freunde in anderen Teilen der Welt, verbreite, eure Aufmerksamkeit, eure Unterstützung und Hilfe!

Bitte sagt es weiter und teilt diesen Blog mit euren Bekannten.

Danke!

Übersetzung: Mr.Mitgefühl, http://www.episteme-online.de/artikel/international/was-passiert-in-istanbul/

Artikel auf Englisch: What is Happenning in Istanbul?


Articles by: İnsanlik Hali

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